Hoffnung auf eine Perspektive

29.05.14 | Djulijana Zekic

Wenn es regnet, kehren Yeldis und Shania wieder nach Hause zurück; an heissen Tagen werden sie von Moskitos geplagt. Sie gehen in eine Schule, die weder ein Dach noch Wände hat. Unterricht unter freiem Himmel gehört zu ihrem Alltag. Die Voraussetzungen zum Lernen sind in Honduras denkbar schlecht. Und dass Kinder überhaupt in die Schule gehen, auch das ist nicht selbstverständlich.

© Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Die beiden Freundinnen Yeldis und Shania leben in La Ceiba, im Norden von Honduras, am Atlantik. La Ceiba hat über 200’000 Einwohnerinnen und Einwohner und gilt als drittwichtigste Stadt des Landes. Umgeben von mehreren bedeutenden Nationalparks und weissen Sandstränden wird ihr enormes Potenzial in der Entwicklung des Ökotourismus zugeschrieben.

Spitzenreiter der Kriminalitätsstatistik

Doch La Ceiba ist eine gefährliche Stadt. Honduras gehört, zumindest was die Städte betrifft, zu den weltweit am stärksten von Gewalt betroffenen Ländern. Mit jährlich 86 Morden pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Honduras Spitzenreiter in der Kriminalitätsstatistik, weit vor den Nachbarländern El Salvador (66 Morde) und Guatemala (41.4) – in der Schweiz sind es 0.7.

La Ceiba ist auch eine Stadt voller Kontraste: In der City stehen die Häuser der Reichen, in den Siedlungen darum herum – genannt Colonias – leben arme Familien, suchen Strassenkinder Unterschlupf, geben Jugendbanden den Ton an. Die meisten Kinder hier treten zwar in die Primarschule ein, viele beenden sie aber nicht. Die Ursachen hierfür sind zahlreich. Sind die Eltern besonders arm und müssen sich entscheiden, investieren sie lieber in die Ausbildung eines Jungen. 60 Prozent der Mädchen passen auf ihre Geschwister auf oder übernehmen andere häusliche Pflichten. Das traditionelle Rollenbild wird so immer weiter zementiert; sowohl zu Hause als auch in der Schule.

«60 Prozent der Mädchen passen auf ihre Geschwister auf oder übernehmen andere häusliche Pflichten.»

Freundinnen trotz uralter Vorurteile

Shania lebt mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern in einer der Siedlungen, in Corozal. Der Vater arbeitet in Kolumbien als Fischer, um für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Die Familie gehört der ethnischen Minderheit der Garifuna an, die indianische und afrikanische Vorfahren haben.

Yeldis ist die älteste von sechs Geschwistern und lebt mit ihren Eltern in der Nachbarschaft von Shania. Yeldis ist wie der überwiegende Teil der hondurianischen Bevölkerung eine Mestizo, eine Nachfahrin von europäischen Einwanderern und den UreinwohnerInnen des Landes. Auch wenn sich die Erwachsenen dieser beiden Bevölkerungsgruppen skeptisch gegenüberstehen und von Vorurteilen geprägt sind, sind Shania und Yeldis beste Freundinnen. Dank der Projekte der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi gehen die beiden in die gleiche Klasse.

Dass der Unterricht oft ausfällt, weil die Infrastruktur völlig ungeeignet ist und sie vor unberechenbaren Wetterverhältnissen ungeschützt bleiben, stimmt die Mädchen traurig. In vielen Armenvierteln und auch ländlichen Regionen von Honduras sind die Schulen alt, ohne Infrastruktur und vor allem auf dem Land bis zu zwei Stunden Fussmarsch entfernt. Die Schulgebäude verfügen manchmal nur über ein einziges Schulzimmer für die 1. bis 6. Klasse. Die finanziellen Mittel fehlen auch für Schulbücher und Lehrmittel. Der Bildungssektor macht mit 20 Prozent den grössten Einzelposten im Staatshaushalt aus. Doch nur 5 Prozent fliessen in die Weiterbildung der Lehrkräfte und in Unterrichtsmaterial, der grösste Teil in die Administration.

Die Mädchen haben Zukunftswünsche

Dank der Arbeit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi erhalten Kinder ethnischer Minderheiten und von Armut betroffener Familien einen verbesserten Zugang zu einer qualitativ guten Grundbildung. Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder ihre Rechte wahrnehmen können und Behörden Massnahmen zum Schutz der Kinderrechte treffen. Shania und Yeldis konnten von diesem Engagement profitieren. Die 15-jährige Sekundarschülerin Yeldis träumt bereits davon, in einer Bank zu arbeiten und einmal nach Amerika zu reisen. Auch Shania hat sich ein klares Ziel gesetzt: Sie möchte Psychologin werden, um der Gesellschaft zu helfen und mehr über sie zu erfahren.